Die lähmendste aller Ängste ist die Agoraphobie oder Platzangst. Irgendwie ist dieser Name falsch, denn in Wirklichkeit hat man die größte Angst vor der Angst selbst. Vor ihr kann man nicht weglaufen, man kann ja auch nicht vor sich selbst weglaufen. Die Attacken können überall auftreten, einen selbst nachts aus dem Schlaf reißen. Der Agoraphobiker ist ständig damit beschäftigt, Situationen zu vermeiden, die Angst auslösen, ständig auf der Hut, nicht in solche Situationen zu geraten, ständig am Beobachten, ob der Körper irgendwelche Warnzeichen gibt, ständig am Überlegen, wie er sich verhält und was er tut, wenn er nun doch einmal in eine ausweglose Situation gerät. Er beschäftigt sich ständig mit der Angst bzw. deren Vermeidung. Er ist unfähig, in der Gegenwart zu leben. Für ihn sind Vergangenheit (da ist mir dieses und jenes passiert) und Zukunft (was ist, wenn es mir nochmal passiert) wichtig. Dabei weiß er eigentlich um die Unnötigkeit seiner Sorgen genauso wie um die Unsinnigkeit. Aber irgendwie scheint sein Lebensmotto zu lauten: Möglicherweise ist das alles Quatsch, aber darauf kann ich mich nicht verlassen! Der Hintergrund ist der, daß man dann ja die Kontrolle aufgeben müßte.
Der Kern phobischen Denkens ist folgender: Wenn man das, wovor man Angst hat und den Grund, warum man Angst hat, nicht kontrollieren kann, dann wird man mit dieser Situation nicht klarkommen. Das ist der Anfang jeder Phobie. Dieser kann überall und jederzeit sein. Man erlebt eine Situation, in der man die beängstigende Erfahrung macht, die Kontrolle über seine Gefühle und die Umstände, die zu diesen Gefühlen führen, zu verlieren. Man hat Angst, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Es ist ähnlich wie Sterben. Wenn jemand Angst vor dem Tod hat, hat er diese in der Regel nicht, weil er dann nicht mehr arbeiten kann oder sein Leben nicht mehr genießen kann, auch nicht, weil er dann sein Geld, sein Haus oder seine Familie zurücklassen muß. Wer wirklich ehrlich zu sich selbst ist, der hat deshalb Angst vorm Tod, weil der Tod einem aufgezwungen wird. Man hat keine Kontrolle darüber. Man MUSS sterben. Kein Geld der Welt kann einen davor retten. Deshalb redet man nicht davon, denkt am besten gar nicht darüber nach. Im Tod wird es einem aufgezwungen, ALLES loszulassen, auch den eigenen Körper, die Kontrolle über ALLES. Eine größere Angst kennt der Mensch nicht. Sehr starke Panikattacken sind ähnlich. Auch hier hat man das Gefühl des vollständigen Kontrollverlustes und von daher kann man solche Attacken durchaus als Todesangstanfälle bezeichnen. Mancher Phobiker ist schon hunderte von Malen "gestorben".
Wenn man nun einmal eine solche Situation (warum auch immer) erlebt hat, wo man die Erfahrung gemacht hat, daß man die Kontrolle verliert, ist eine Phobie geboren. Wenn sie einmal Wurzel gefaßt hat, wächst sie wie Unkraut. Das kommt daher, weil man ihr am Anfang wenig Beachtung schenkt. Man braucht ja nur die gefürchtete Situation zu meiden und alles ist gut. Aber die Angst keimt nicht in der Situation, sie keimt in einem selbst. Die Anfälle treten an anderen Orten und in anderen Situationen auf, die man dann ebenfalls vermeidet. So weitet sich die Angst immer mehr aus. Dabei weiß der Phobiker in der Regel um die Sinnlosigkeit seiner Ängste und diese Sinnlosigkeit wiederum führt dazu, daß er sich schämt. Wie sonst sollte man jemandem erklären, daß man sich fürchtet, tot umzufallen, aber nicht will, daß es andere mitbekommen? Entsetzen und das Gefühl der Demütigung gehen in solchen Fällen Hand in Hand.
Was aber tun? Wie kann man sich selbst helfen? Es dürfte klar sein, daß die Sorge, wann oder wie die nächste Panikattacke kommt, die Wahrscheinlichkeit erhöht, daß sie bald und heftig kommt. Es gibt ein paar Tricks, die als Übergangslösung dienen, die man als Schnellmaßnahmen ansehen kann. Sie sollen eine Panikattacke eingrenzen und/oder abwenden. Dauerhaft helfen können diese Maßnahmen nicht. Zu dauerhaften Methoden später. Nun erst zum "Erste-Hilfe- Programm". Am besten, man prägt sich diese Methoden ein und probiert aus, was einem am besten hilft. Es muß nicht bei jedem Menschen die gleiche Methode sein, die hilfreich ist. Dem einen hilft dies besser, dem anderen das.
Die ersten Tricks haben eines gemeinsam: Ablenkung!!! Sobald man merkt, daß Angst entsteht, sollte man sich SOFORT ablenken, die Aufmerksamkeit von der Angst weg auf etwas anderes richten. Dazu muß man sich konzentrieren können und das geht mit einiger Übung immer besser. Stell Dir im Geiste Rechenaufgaben und konzentrier Dich auf die Lösung. Rechne im Supermarkt die Preise der verschiedenen Artikel zusammen. Zähl an der Bushaltestelle die Wolken am Himmel, die Pflastersteine oder was auch immer. Hauptsache, die Konzentration ist auf etwas anderes als die Angst und deren Symptome gerichtet. Wenn gar nichts mehr hilft, kann man sich noch sehr fest und heftig zwicken oder die Fingernägel ins Fleisch graben, bis es so richtig weh tut. Die Konzentration auf diesen Schmerz hilft auch bei der Ablenkung von der Angst. Es ist ganz gleich, mit was man sich ablenkt, Hauptsache man konzentriert sich genug, um auch wirklich abgelenkt zu sein.
Zusätzlich zu der Ablenkungsmethode sollte man versuchen, sich über die Angst lächerlich zu machen oder über die Angst zu lachen. Das hört sich nun sehr nach "Mach Dir nichts draus" an, aber so ist es nicht gemeint. Auch wenn man weiß, wie schlimm die Anfälle sind, sollte man sich sagen: "Na und, dann sterbe ich jetzt einfach. Am besten gleich 10 x hintereinander." Oder: "Jawoll, jetzt kippe ich hier mitten auf der Straße um. Genau so mache ich es." Oder: "Ich ersticke jetzt hier mitten im Kino. Ich werde nach Luft schnappen und alle werden auf mich gucken und ich werde ihnen eine schönere Vorstellung liefern als dieser blöde Film." Oder ähnliche Beispiele. Es geht darum, daß man sich ganz fest genau das sagt, was man als Schlimmstes befürchtet. Aber dies in einer lächerlichen Weise sagt. Trotzdem fest entschlossen. Mit der Zeit wird man selbst über sich lachen können. Diese und auch die Methode mit dem Ablenken nehmen der Angst ein bißchen von ihrem Schrecken. Nach längerem Üben kann man sie etwas gelassener sehen, man hat ein Stückchen der Kontrolle zurückgewonnen. Will man die Angst aber ganz loswerden, muß man - leider - lernen, die Kontrolle ganz aufzugeben. Solange man das nicht kann, kann jederzeit ein neuer Panikanfall entstehen. Das ist auch der Grund, warum bei vielen Menschen die Angst zeitweise verschwindet und dann wiederkommt. Der erste Schritt dazu ist, Entspannungsmethoden zu erlernen. Alles, was mit Loslassen zu tun hat, ist geeignet, insbesondere aber Meditieren. Man sollte auch zusätzlich in Gedanken bzw. in der Phantasie üben, sich der Angst hinzugeben ohne zu versuchen, die Kontrolle zu behalten. Das ist sehr schwierig, aber es geht. Ein gutes Beispiel: Man stellt sich vor, die Angst sei Energie, die durch einen hindurchfließen will. Am Kopf herein, an den Füßen heraus. Was tut man dann? Man macht logischerweise alle inneren Schleusen auf (d.h. verkrampft sich nicht), damit der Fluß schnell und ungebremst durch einen hindurch geht. Diese Vorstellung hat mir im Falle eines Panikanfalles immer sehr geholfen. Nicht dagegenstämmen, sondern durchfließen lassen. Nicht verkrampfen, sondern locker machen. Keine Blockaden aufbauen. Wenn man das einmal eingeübt hat, geht der Panikanfall schnell vorbei. Wenn man das einmal beherrscht, hat man DAS Mittel, um Panikanfälle in den Griff zu bekommen. Nämlich gar kein Mittel oder einfach - LOSLASSEN. Es hört sich paradox an, aber es ist tatsächlich so. Wenn man einmal richtig loslassen und zulassen kann, DANN hat man die Kontrolle wieder eben durch das Loslassen. Und dann werden die Panikanfälle aufhören. Sie entstehen ja aus dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Hat man diese wieder, MÜSSEN sie aufhören. Ist doch ganz logisch. Allerdings bekommt man diese Kontrolle nicht durch Kämpfen oder Aushalten, sondern eben nur durch Zulassen. Wenn man das einmal kann, werden sie auch nicht nach einiger Zeit wiederkommen. Man ist dann tatsächlich die Attacken für immer los. Auf diese Weise bin ich meine Angst vollständig losgeworden und ich denke, daß andere das genauso gut können.
Meiner Meinung nach spielt es keine Rolle, wo die Ursachen der Angst liegen oder vermutet werden. Es ist gefährlich, sich ständig mit der Angst zu beschäftigen. Man sollte sich auch nicht von Freunden oder der Familie einreden lassen, man müsse sich nur zusammennehmen, dann ginge es schon. Das wäre ganz falsch. Zusammennehmen bedeutet sich zu verkrampfen, zu kämpfen. Man soll allerdings auch nicht jammern oder in Selbstmitleid versinken. Man soll auch niemand anderen für seine Angst verantwortlich machen, nicht die Eltern, den bösen Chef oder was auch immer. Man muß nur eines tun - loslassen. Das Kämpfen aufgeben, sich der Angst hingeben. Vielleicht ist es eine der wenigen Sachen auf der Welt (oder die einzige), wo man durch Aufgeben gewinnt ???
Ich hoffe, mit meinen Erklärungen dem einen oder anderen geholfen zu haben und sei es auch nur dadurch, daß er wieder Hoffnung geschöpft hat, seine Angst und Panikattacken doch noch los zu werden. Ich würde mich freuen, ihr würdet mir im Gästebuch oder per E-mail sagen, was ihr davon haltet und wie ihr darüber denkt.
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PANIKFAKTOR ZERO |
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